Artgerechte Haltung des Menschen – bewegen wir uns eigentlich noch so, wie unser Körper es braucht?
- Jasmin Rastetter

- 8. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Wenn wir an artgerechte Haltung denken, denken wir meist an Tiere. Ein Pferd braucht Auslauf, ein Hund Bewegung und soziale Kontakte, ein Vogel Platz zum Fliegen. Doch wie sieht es eigentlich mit dem Menschen aus?
Unser Körper ist das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution. Er wurde nicht für stundenlanges Sitzen, Bildschirmarbeit und Bewegungsmangel entwickelt. Über einen Großteil seiner Entwicklungsgeschichte war der Mensch täglich in Bewegung: Er ging, kletterte, trug, hockte, griff, drehte sich, richtete sich auf und senkte sich wieder ab. Heute nutzen wir viele dieser natürlichen Bewegungen nur noch selten.
Viele Menschen bewegen sich zwar regelmäßig, schöpfen dabei jedoch nur einen kleinen Teil ihrer tatsächlichen Bewegungsmöglichkeiten aus. Die Winkel und Bewegungsumfänge, die unsere Gelenke theoretisch zur Verfügung haben, werden im Alltag oft kaum genutzt. Aus evolutionärer Sicht ist das eine spannende Beobachtung. Warum verfügt der Mensch über so viele Bewegungsmöglichkeiten, wenn er sie scheinbar gar nicht benötigt?
Eine mögliche Erklärung ist, dass unser Körper noch immer für die Anforderungen früherer Lebensweisen ausgelegt ist. Obwohl sich unser Alltag in vergleichsweise kurzer Zeit grundlegend verändert hat, besitzen unsere Gelenke nach wie vor die Bewegungsumfänge, die einst für Klettern, Hocken, Tragen und andere natürliche Bewegungsformen notwendig waren.
Unsere Vorfahren mussten sich bewegen, um ihren Alltag zu bewältigen. Sie legten weite Strecken zu Fuß zurück, arbeiteten in Bodennähe, kletterten, trugen Lasten und wechselten ständig ihre Körperpositionen. Heute übernehmen zahlreiche Hilfsmittel viele dieser Aufgaben. Wir fahren mit dem Auto statt zu laufen, nutzen Aufzüge statt Treppen, sitzen auf Stühlen statt auf dem Boden, bestellen Einkäufe online und verbringen viele Stunden vor Bildschirmen. Unser Leben ist komfortabler geworden – gleichzeitig aber auch deutlich bewegungsärmer.
Dadurch werden viele natürliche Bewegungsmuster kaum noch genutzt. Die Hüften werden selten tief gebeugt, die Schultern nur noch gelegentlich vollständig über den Kopf geführt und die Wirbelsäule verbringt oft viele Stunden in nahezu derselben Haltung. Auch unsere Hände, Füße und Zehen werden deutlich weniger gefordert als noch vor wenigen Generationen.
Dabei benötigen nicht nur unsere Muskeln Bewegung. Auch Faszien, Gelenke, Knorpel, Bänder und das Nervensystem sind auf regelmäßige und abwechslungsreiche Belastung angewiesen. Bewegung versorgt Gelenkstrukturen, unterstützt die natürliche Gleitfähigkeit der Faszien und hilft dem Körper, seine Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit zu erhalten.
Die gute Nachricht ist: Oft sind es bereits kleine Veränderungen im Alltag, die einen Unterschied machen können. Treppen statt Aufzüge zu nutzen, kurze Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückzulegen, häufiger die Sitzposition zu wechseln oder sich beim Spielen mit Kindern auf den Boden zu setzen, bringt den Körper in andere Bewegungsmuster. Auch das bewusste Strecken der Arme über den Kopf, das Hocken statt des einfachen Vorbeugens oder das Tragen von Einkäufen können dazu beitragen, verloren gegangene Bewegungsräume wieder zu nutzen. Selbst die Füße profitieren davon, wenn sie durch Barfußgehen oder gezielte Übungen wieder aktiver eingesetzt werden.
Dabei geht es nicht darum, täglich Höchstleistungen zu vollbringen. Vielmehr dürfen wir unserem Körper wieder mehr von den Bewegungen anbieten, für die er ursprünglich geschaffen wurde. Jede Bewegung zählt – und oft beginnt mehr Beweglichkeit mitten im Alltag.
Genau darum geht es auch in meinen Kursen. Mir ist wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem du für einen Moment aus dem oft hektischen Alltag aussteigen kannst. Einen Raum, in dem du durchatmen, zur Ruhe kommen und wieder bei dir selbst ankommen darfst.
Viele Menschen funktionieren den ganzen Tag. Sie erledigen Aufgaben, erfüllen Erwartungen und hetzen von Termin zu Termin. Dabei geht das Gespür für den eigenen Körper häufig verloren. Erst wenn Verspannungen, Schmerzen oder Erschöpfung auftreten, nehmen wir wahr, dass wir die Signale unseres Körpers lange überhört haben.
Durch sanfte Dehnungen, Faszientraining, Mobilisation und bewusste Bewegung entsteht oft etwas sehr Wertvolles: mehr Raum im Körper. Raum in den Schultern, die sich freier anfühlen. Raum im Brustkorb, der eine tiefere Atmung ermöglicht. Raum in Hüften und Rücken, damit Bewegungen wieder leichter und fließender werden können. Und häufig entsteht gleichzeitig auch mehr Raum im Kopf, weil Anspannung nachlassen darf und das Nervensystem Gelegenheit bekommt, herunterzufahren.
Für mich bedeutet Beweglichkeit nicht, besonders weit in eine Dehnung zu kommen oder bestimmte körperliche Leistungen zu erreichen. Beweglichkeit bedeutet Lebensqualität. Sie bedeutet, sich frei bewegen zu können, sich im eigenen Körper wohlzufühlen und den Alltag mit mehr Leichtigkeit zu erleben.
Meine Kurse sollen dazu einladen, Bewegung wieder als etwas Natürliches zu entdecken – ohne Leistungsdruck und ohne Vergleich. Es geht darum, den eigenen Körper bewusster wahrzunehmen, Spannungen loszulassen und Schritt für Schritt ein besseres Körpergefühl zu entwickeln. Denn wenn wir unserem Körper regelmäßig Aufmerksamkeit schenken, verändert sich oft weit mehr als nur die Beweglichkeit: Wir fühlen uns aufgerichteter, freier, entspannter und wieder stärker mit uns selbst verbunden.
Sei achtsam mit Dir. Dein Körper wird es Dir danken!
Deine Jasmin




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